Dittmar Vonau, 10.03.2017

Soljanka 3 €, 11:30 Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis zum Termin bei der Rentenberatung. Einfach aufs Geratewohl ist er hingefahren. Der Warteraum proppenvoll. Heute Vormittag geht es schlecht. Um 13:00 Uhr, da hätte jemand abgesagt, lächelt ihn die junge Frau an.

Die zwei Stunden Wartezeit betrachtet er als Geschenk. Lange Zeit hat er es nicht hinbekommen einfach Zeit für sich zu haben.

An Geschäften vorbeischlendern und in Ruhe in die Schaufenster sehen. Nicht die Zeit totschlagen bis 13:00 Uhr, sondern sich einfach treiben lassen.

Die Auslagen der Geschäfte sagten ihm nichts. Nichts davon war von Interesse für ihn. Der Überfluss allerorten, sogar hier in der Abgeschiedenheit seiner geliebten Pampa, in die er sich vor so langer Zeit hineinbegeben und sein Refugium gefunden hatte.

Einsam ist die Gegend, wenige Menschen leben hier. Teilweise verschlossene Bewohner des ländlichen Raumes, so, eine gern genutzte Beschreibung seiner Pampa von offizieller Seite. Er nennt es eine armselige Umschreibung politischer Ohnmacht für dieses, wie auch alle anderen Gebiete in Deutschland ähnlichen Charakters und ähnlicher Struktur.

Lange Wege sind kennzeichnend für den Alltag und prägen Unternehmungen, zu denen selbst Einkaufen schon gezählt werden kann. Versorgung als Ausflug und nur mit eigenem PKW zumutbar und machbar.

Das kleine Café, in dem er jetzt saß, gab es damals, als er seine Wohnung im Plattenbau renovierte, noch nicht. Es gab überhaupt kein Café am Marktplatz. Eine eigentümliche, fast schmerzliche Feststellung, als er, dürftig gewaschen, ins Zentrum fuhr, mit der Idee sich einem Espresso und einem Stück ekelig süßen Kuchen hinzugeben, um den Renovierungsarbeiten zu entkommen.

Marktplatz, eine Körperdrehung, Ausschau, das kann nicht sein, es gibt in Deutschland an jedem Marktplatz ein Café. Noch eine langsame Drehung um die eigene Achse, die Augen geschärft, nichts.

Kein Café am Marktplatz von Pasewalk!

Eine eigentümliche, fast schmerzliche Erfahrung! Hatte er doch auf seinen vielen Fahrten quer durch Deutschland, falsch, Westdeutschland hatte er durchquert, überall Cafés auf den Marktplätzen genossen.

Kaffee - ein Lebenselixier für ihn!

Auf Autobahnraststätten hatte er ihm sogar Prädikate verliehen wie:

Ganz schlimm – fahr bloß weiter, hier ist der Espresso furchtbar. Oder – kannst vergessen, bis, okay, wenn es denn sein muss, aber dann die Krönung– hier unbedingt abfahren und einen Espresso genießen.

Seltsamerweise war die so oft ausgeschenkte, Espresso genannte Plürre, da, wo er nicht mehr angehalten hat, auch noch teuer.

Seine Espresso-Lieblings-Raststätte war damals das Allgäuer Tor. Super Espresso zu einem ehrlichen Preis.

Irgendwann hatte er die Idee eine Internetseite „Espresso-time“ ins Leben zu rufen, aber dazu ist es nicht gekommen. Kann ja noch kommen, Rentner haben ja so viel Zeit.

Noch 20 Minuten dann wird sich entscheiden, wie es weitergeht. Ob sich überhaupt etwas ändert. Ob er überhaupt etwas ändern will in seinem Leben?

Dieser Termin wird keine Kür sein, sondern ist wohl eher ein Pflichttermin, wie schon so viele Termine vorher in seinem Leben.