Dittmar Vonau, Sommer 2008 – Dezember 2010

Unser Land versinkt in einer abartigen Form von Unruhe, die mich an eine ältere Dame auf einer großen Wiese erinnert. Die sich um ihre eigene Achse drehend, ansonsten still verharrend, ihren Hund im Kreis um sich rennen lässt, befriedigt nach Haus kommt und sich so richtig ausgetobt fühlt.

                                   

Unser Land versinkt in einer abartigen Form von Unruhe, die mich an eine ältere Dame auf einer großen Wiese erinnert. Die sich um ihre eigene Achse drehend, ansonsten still verharrend, ihren Hund im Kreis um sich rennen lässt, befriedigt nach Haus kommt und sich so richtig ausgetobt fühlt.

Ich entdecke diese Szenerie immer und immer wieder in unterschiedlichen Situationen. Wir hetzen uns, wir werden gehetzt, wir glauben hetzen zu müssen, wir rennen und rennen - jagen einer aufoktroyierten Richtung hinterher und landen zielsicher wieder und wieder ohne Aussicht auf Veränderung auf der uns so bekannten immer gleichen Bahn dieses so lähmenden Kreises.
Immer wieder dieser Kreis. Zielsicher die immer gleiche Kreisbahn.
Anfang und Ende unseres Hetzens scheinen seit Generationen gleich.
Alle Versprechen, wir erreichen das Elysium, alle so schön ausgemalten Beteuerungen, spannen uns vor den Karren, wir legen uns ins Zeug, wollen es auch, glauben an die in Aussicht gestellten Verbesserungen, glauben an den Wandel.
Wir wollen helfen das Versprochene zu erreichen, knechten, arbeiten, lassen uns begeistern, geben sehr viel, geben alles von unserer Schaffenskraft.
Legen uns in die Riemen, zerren an dem Karren, den es voran zu bringen gilt.
Gewinnen Zuversicht, hören die süßen Versprechungen, wollen dabei sein und helfen dieses so sinnvolle Ziel zu erreichen. Euphorisch unterstützen wir den Nebenmann, dessen Kräfte am Ende sind, greifen ihm unter die Arme, setzen uns ein - es wird gelingen, dieses Mal wird es gelingen.
Dieses Mal ist es der richtige Weg. Wir spüren es, wir erhöhen unseren Einsatz, unter dem auf uns lastenden Druck, wir geben mehr als wir haben.
Neben uns fallen die Ersten um, bleiben auf der Strecke, wir verstehen die Botschaft, dass es einige nicht schaffen werden, wir sind stolz darauf noch zu können, wir werden gelobt, als der Druck noch einmal erhöht wird.
Welch eine Genugtuung für uns- wir halten durch!
Adrenalin jagt durch uns hindurch.
Das verheißene Ziel sei schon in Sichtweite, wir jubeln, Ekstase nimmt von uns Besitz - nur noch dieses kurze Stück und es ist geschafft. Immer mehr fallen um, schaffen es einfach nicht, sind am Ende.
Ist es ist geschafft? Der Weg des Verzichtes, der Plagen, der Aufopferung, der völligen Selbstaufgabe, ist es wirklich geschafft?
Ehrendes Lob wird verteilt, Stolz schwillt in unserer Brust. Die
Anerkennung unserer übermenschlichen Leistung, unseres Einsatzes ist Balsam für die geschundenen Seelen. Erschöpft sinken wir in uns zusammen, raffen die uns verbliebenen Kräfte zusammen.
Die Einsatzfordernden bieten den Erschöpften an zu erkunden, um alle sicher in die von uns so ersehnten Versprechungen zu führen. Sie gehen voraus, versprechen, uns nach kurzer Phase der Erholung nachzuholen.
Wir erholen uns langsam. Die Schwachen unter uns gehen, wir geben ihnen anerkennend ihrer aufopfernden Leistungen das letzte Geleit. Die Reihen lichten sich in der langsam vergehenden Zeit. Nachkommen werden kaum geboren, alles ist zu unsicher.
Gern habe ich mich der Erzählung meiner Großmutter hingegeben, habe ihr gelauscht, wenn sie von dieser schweren Zeit unserer Vorfahren erzählt hat.
Der Zeit voller Entbehrungen, Qualen und unsäglicher Mühen.
Voller Stolz hat Großmutter mir die überlieferte, von Generation zu
Generation weitererlebte Geschichte erzählt.
Wie viele Großmütter vor ihr auch schon.
Umso mehr verstehe ich die mitreißende, anspornende Ansprache, der ich gerade lausche, sie gibt mir Kraft und Zuversicht und ich beginne zu ahnen, was Großmutter mir auf meinem Weg mitgegeben hat.
Der Durchbruch soll jetzt kommen, so die Verheißung.
Wohlergehen für ALLE. Wir brauchen uns nur noch ein wenig
anzustrengen, uns ins Zeug legen. Die Karren ziehen und vorwärts bringen.
Jetzt gilt es!
Jetzt ist es soweit. Der Durchbruch, das ersehnte Elysium ist greifbar nahe, der Weg soll bald geschafft sein.
Wir streben dem Wohl ALLER entgegen.
So ist es uns versprochen von denen, die vorgegangen sind, um für uns zu erkunden, von denen, die das Leben in der schönen Welt erkundet haben, von denen, denen wir das Leben im Elysium durch
unser aller Arbeit schon ermöglichen, von denen, die versprochen haben uns nachzuholen.
Wenn wir uns nur kräftig ins Zeug legen...
So, der verheißende, neuerliche Appell.
Schweiß gebadet öffne ich die Augen, der Traum ist vorbei?
Mein Herz klopft wild!
Der Kaffee läuft.
Es wird ein grauer Tag.
Gut, dass die Ereignisse aus den Überlieferungen von Großmutters
Erzählungen schon so lange vorbei sind. Ich mühe mich aus dem Bett, lege mein Nachtgewand zum Trocknen.
Einer von vielen dieser grauen Tage seit dem Beginn des Wartens,
nachgeholt zu werden.
Hier auf der Kreisbahn rennend, wartend auf eine bessere Zukunft.
Wartend auf die Einlösung der alten Versprechen, wir würden nachgeholt.
Wir haben uns im Laufe der Zeit eingerichtet.
Kinder werden seit Generationen wieder geboren, andere sterben.
Aber die Situation für den ersehnten Schritt verlangt es, so lese ich in der morgendlichen Botschaft, wir sollten uns ins Zeug legen und zupacken. Es wird erwartet, dass alle an einem Strang ziehen, ein
jeder ist dazu verpflichtet, es bedarf keiner weiteren Erklärung.
Wir alle sollten uns nur noch ein wenig mehr anstrengen für das Erlangen der immer wieder neuerlichen und doch alten Versprechungen, wir könnten dann auch nachgeholt werden, müssten uns jetzt aber vehement ins Zeug legen.
Es dauere nicht mehr lange, so dieses Versprechen - um nachgeholt werden zu können!
Was für ein grauer Tag.
Meine Damen und Herren – Auserwählte!
In der nächsten Einheit, Thema des Seminars:
das Erkennen, der Weg zur Befreiung, die Epoche der verpassten
Veränderung.
Wir beschäftigen uns nun mit Verführungen von Gesellschaften durch
Versprechungen:

1. Mittels in Aussicht stellen von Verbesserungen
2. Vermeintlicher Teilhabe am Geschaffenen.
3. Möglichem Rang und Stand durch Leistungsanerkennung.

Aufrichtiger Stolz, ja Erhabenheit und Bewunderung klangen in
Großmutters Stimme mit, wenn sie an dieser Stelle
der Überlieferungen ankam.
Sie richtete sich demonstrativ kerzengerade auf, ließ eine kunstvolle
Pause den ganzen Raum ausfüllen, bevor sie bedeutungsgeladen tief und langsam einatmend weiterfuhr.
Betonend, dass diese Passage seit langer Zeit Wort für Wort so
weitergegeben wird, hob sie an.
„Sie aber hier haben das große Glück, dass wir in dieser historischen Grabungsstelle die nächsten Erkennen Einheiten abhalten können.
Ich hoffe sie alle wissen diese besondere EHRE zu schätzen.
Zum besseren Verständnis für sie. Noch etwas.
Der Weltsenat hat für die Namensgebung drei Vorschläge in die engere Wahl genommen.
Sie wissen, dass das Abstimmen über die Namensvorschläge Bestandteil ihrer interaktiven, medialen Bürgerpflicht ist.
Zur Auswahl stehen:
-- Zeit der Verdrossenheit
-- Herzlose Epoche
-- Kultstätten der Gier
Ich bitte Sie mir zu folgen.
Die Ausgrabungen sollen auf die Zeit der wenig nutzbringenden
Parteienpolitik gestoßen sein. Vermutlich handelt es sich um das verloren geglaubte Berlin, das einst zum legendären Deutschland gehörte und laut Überlieferung, nach einer Wiedervereinigung sogar die wichtigste Stadt wurde, dann soll Berlin den Erzählern nach Europa zugeschlagen worden sein.
Hier sind sich die Erzähler unserer alten Geschichten und die Grabenden nicht im Klaren, was Wahrheit und was Erzählung ist.
Gesichert aber soll sein, dass die Stadt Berlin fast tausend Jahre als
untergeordnete Provinzstadt der ersten Weltdynastie des Reiches der Mitte diente. Aber mit dem Untergang der ersten Weltdynastie in der Bedeutungslosigkeit verschwand.
Den Erzählungen nach hatte die Stadt auch nur knapp 12 Millionen
Einwohner und war viel zu unbedeutend, da auch viel zu klein um erhalten zu werden.
Das, was bis jetzt bei den Ausgrabungen zu Tage gekommen ist gibt uns
jedoch Rätsel auf. Der Schluss liegt nahe, dass es sich dabei um eine Station der Bekleidungsversorgung handelt. Wir hatten bis heute ebenso keinerlei Hinweise auf eine einheitliche Kleidung der Menschen in dieser Zeit.
Alle Kleidungsstücke sind von gleicher Farbe, gleicher Beschaffenheit, nur unterschiedlich groß.
Sie können mir folgen?
Stellen Sie ruhig Fragen, alle Hier und Heute gestellten Fragen unterliegen keiner Lebensspeichererfassung.
Also, es wird vermutet, dass die sogenannte politische Gruppenwirtschaft ihre Untergebenen zu diesem optischen Bekenntnis gezwungen hat.
Ähnlich wie wir es heute haben, um unser Gegenüber in seiner Funktion zur Erreichung des Elysiums genau zu erkennen.
Dieses ist einer der Gründe, warum Sie hier und heute die Grabungsstätten besichtigen dürfen und diese fundamentalen Informationen erhalten.
Sie alle sind Ausgesuchte, die in ihren Lebensspeichern und interaktiven, medialen Bürgerpflichtwerken hierüber berichten dürfen.
Sie sind die Fürsprecher Ihrer Lebenseinheiten.
Jeder von Ihnen hat nur eine Lebenseinheit, interaktiver, medialer
Bürgerpflichtwerke von knapp 1,2 Milliarden Menschen.
Diese recht begrenzte Lebenseinheit erhöht ihre persönliche
Glaubwürdigkeit.
Sie sind die Auserwählten, die den Führenden den Zugang in die kleinste Lebenseinheit ermöglichen. Sie alle haben erkannt, wie wichtig es ist, dass wir alle und ich meine ALLE in unseren Anstrengungen nicht nachlassen dürfen.
Der große Schritt des Nachgeholt werden liegt in ihren Händen.
Sie sind die Auserwählten, Sie zeigen ihren Netzwerken, wo und wie die letzten Anstrengungen, die letzten Entbehrungen das Ziel ermöglichen.
Verstehen Sie die außergewöhnliche, ganz persönliche Ehrung, die ihnen zuteilwird?
Fragen?
Gut!
Als besondere Anerkennung, sichtbarem Ausdruck der Wertschätzung ihrer Arbeit erhält jeder eines dieser historischen Gewänder, die nur Sie tragen werden, weil nur Sie diese tragen dürfen.
NUR SIE!
Ab jetzt wird es für jeden von Ihnen zur Pflicht diese Gewänder öffentlich zu tragen.
Ebenso ist jeder verpflichtet  Sie mit Ihrer Funktion Auserwählt an- zusprechen.
Wie bedeutend dem Weltenrat Ihre Funktion Auserwählt ist, werden Sie, die Auserwählten sofort erkennen.
Werte Auserwählte - Kopfbekleidung gehörte dazu.
Ja richtig! Kopfbekleidung!
Da diese historisch dazu zugehören scheint, dürfen Sie die historischen Gewänder mit Kopfbekleidung tragen.
Ich wiederhole - um Unsicherheiten Ihrerseits auszuräumen:
Mit Kopfbekleidung!
Was für eine besondere Ehre, mit der Sie, die Auserwählten,
ausgezeichnet sind.
Sie dürfen Kopfbekleidung tragen!
Sie ganz allein haben - neben unseren Führern, dieses höchste
Privileg.“
Großmutter machte an dieser Stelle wieder eine lange Pause.
Um die letzten Sätze betont langsam und überdeutlich zu wiederholen.
„Was - für - eine - besondere - Ehre, - mit - der – Sie, - die -
Auserwählten,- ausgezeichnet - werden.
Sie - dürfen - Kopfbekleidung - tragen!
Sie - ganz - allein – haben, - neben - unseren - Führern, - dieses -
allerhöchste - Privileg.
Ein weites wallendes Gewand, bis fast auf den Boden.
Eine Bekleidung für den Kopf.
Alle zogen die gereichten Gewänder an.
Wie in einem Ritual veränderten wir uns.
Wir die Auserwählten.
Deutlich erkennbar und weit sichtbar durch unsere Kleidung.“
Meine Großmutter - die 63 . Generation des Wartens - wird stolz auf mich sein.
Wenn ich im Gewand der Auserwählten vor ihr stehe.
Sie selbst hat es mit besonderer Ehrfurcht getragen, meine Mutter ebenso.
Jetzt ist es an mir, den Auftrag und das damit verbundene Leben der Auserwählten zu erfüllen.
Die Auserwählten haben ihr Wissen, wie die Menschen Hoffnung schöpfen und zu welchen Leistungen Menschen fähig sind, wenn sie nur richtig ermuntert werden in ihrem würdevollen Amt ihren Kindern weitergegeben.
Und die wieder ihren Kindern, und die den Ihren und so weiter und so weiter.
Sieben Generationen nach der Schaffung der Auserwählten, waren sich die Erzähler mit den Grabenden immer noch nicht einig, was die Zeichen in den Bekleidungstücken bedeuten. Obwohl es angeblich zwei Varianten geben sollte. Aber niemand die Sprache kannte. Es gab keine holografisch-linguistischen Aufzeichnungen dieser Sprache.
Die Bedeutung hat bis heute, mittlerweile sind 11 Generationen seit der Gründung der Auserwählten vergangen, niemand herausgefunden

남극부문 4, 산타클로스의상, 할당에서: 베를린