Dittmar Vonau, April 2011

Unser Leben gleicht der Fahrt in einer riesigen überdimensionalen Zentrifuge. Wobei noch nicht genau geklärt ist, warum und wodurch diese Riesenzentrifuge ihre Geschwindigkeit erhält und unglaublicherweise sogar steigert.

Das Ergebnis der Beschleunigung unseres Lebens dagegen ist täglich, stündlich, ja in fast allen Augenblicken zu erkennen und deutlich sichtbar wahrzunehmen.

 

Durch die Zentrifugalkraft fallen einige Bestandteile heraus und werden über den Rand katapultiert. Sie müssen sich der Geschwindigkeit folgend an den Rand und schlussendlich über den Rand gedrängt, von der Gesamtsubstanz getrennt, abkoppeln lassen.

So weit, so gut: Aber nur, wenn es sich um einen Prozess der Sahne Gewinnung handelt. Bei der Auskoppelung der Sahne wissen wir alle, dass die Sahne das Wertvollste von der Grundsubstanz Milch ist.

Die Sahne, dieser wichtige Bestandteil der Milch hat uns Jahrhunderte lang das Überleben gesichert. Und - jedes Kind weiß, dass das Fett in der Sahne Geschmacksträger Nummer eins ist und immer sein wird. Selbst, wenn noch so gute Schimmelpilzzüchtungen uns den Geschmack vorgaukeln, bleiben diese, was sie sind:

Schimmelpilze.

Täuschung für unsere Sinnesorgane. Und mittlerweile in jeder gewünschten Geschmacksrichtung erhältlich und tausendfach täglich von uns verspeist. Zugegeben, unwissentlich, ohne dass es uns bewusst ist, dass es sich um Schimmelpilz handelt, von uns verspeist.

Die Vorstellung dessen bleibt unappetitlich.

Das einstmals so überlebenswichtige Fett(Sahne) hat in unserer modernen Gesellschaft den Status von Ekel erreicht. Wir ekeln uns davor und wollen es auf keinen Fall mehr verzehren. Was eher daran liegt, dass nicht dieser Nährstoff sich verändert hat. Der ist geblieben, wie er war.

Wir haben uns verändert. Unsere Nahrungsaufnahme hat sich in perfider Weise gewandelt. Vom Überleben durch Nahrungsaufnahme ist wenig geblieben. Wir gieren uns die Haufen auf den Teller und kennen kein Maß. Schlingen in uns hinein, die Grenzen der Sättigung kaum wahrnehmend, ohne an die Folgen zu denken.

Das Angebot ist unübertroffen. Die Auswahl einfach gigantisch! Keine Generation vor uns hatte es so gut getroffen und konnte sich fast alles leisten.

Die Sahne trägt keine Schuld.

Die Maßlosigkeit, die Gier, das "immer mehr wollen", der Gedanke noch wohlhabender zu sein, ist sicher ein Teil des gnadenlosen Antriebes dieser Lebenszentrifuge.

Wer durch die Kraft der unbarmherzigen Zentrifugalgeschwindigkeit an den Rand gedrückt wird,hat kaum noch eine Chance aus eigener Anstrengung dort wieder weg zu kommen. Wer letztlich mit aller Macht über den Rand der Gesellschaft geschleudert wird, wie die Sahne bei der Milch, ist von der Gesellschaft abgenabelt, abgekoppelt, abgehängt und auf Dauer getrennt.

Der ist endgültig draußen und fristet sein Dasein mit Brosamen abgespeist und muss für diesen Gnadenakt seine Persönlichkeitsdemontage ertragen.

Das Brandmal der Wertlosigkeit.

Der Milch wird in der weiteren Folge noch Käse entnommen. Was bleibt, ist Molke. Eine mineralhaltige Substanz, die fade und geschmacklos ist und - außer dass man ihr die Flüssigkeit entzieht, um an die Reststoffe zu gelangen - nichts mehr wert ist.

Die Molke, dieses, durch die zentrifugale Verdrängung der Sahne, durch Entnahme weiterer gesamttragender Inhaltsstoffe ausgelutschte Überbleibsel, wurde sehr gern zum Baden verwendet, speziell in der Zeit der römischen Dekadenz.

Heute badet der Verbraucher-Fortschritt in der Masse der Billigarbeiter eines einstmals sozialen Gefüges.