Dittmar Vonau, 05. November 2005

Es ist früh, sehr früher Morgen, 05:11 ich stehe in der Küche der Ferienwohnung Nr. 11 um mir einen Kaffee aufzusetzen, das Brötchen von gestern habe ich, die eine Hälfte mit Rindermett, die Andere mit Brie, schon belegt.

 

Ich gehöre zu den Menschen, die, wenn sie aufstehen sofort etwas essen müssen, egal welche Uhrzeit es ist. Ein Relikt aus meiner Kindheit, denn ohne Frühstück durfte keiner von uns aus dem Haus. Meine Mama hat da sehr aufgepasst. Heute wo sie ende siebzig ist steht sie gegen acht Uhr auf, um direkt nach dem Toilettengang am Frühstücktisch zu sitzen – auch sie muss sofort etwas essen. Mein Paps ist dann oft schon eine Stunde auf den Beinen, hat Brötchen geholt, Kaffee gemacht und in der Zeitung gelesen. Meine Mutter braucht und ich bin da genauso - erst etwas zu Essen, danach kommt alles andere.

Ich konnte nicht schlafen. diese wundervolle Frau und ich hatten uns gerade derart heftig geliebt und wie wir uns geliebt haben. Mitten in der Nacht bin ich über Sie hergefallen,... und dann hat SIE mich hemmungslos geliebt! Ja - sie hat mich geliebt - und wie sie mich geliebt hat - hemmungslos!

Da ist er wieder, der Gedanke, der so tiefe Regungen in mir auslöst, begleitet von einem wohlig, freundlich, warmen Grinsen mit den Tränen tiefer Traurigkeit in meinen Augen. 

Da ist er wieder, der Gedanke, der so tiefe Regungen in mir auslöst, getragen von einem wohlig, warmen, freundlichen inneren Lächeln, das sich im Meer der Tränen tiefer Traurigkeit in meiner Seele spiegelnd verliert.

Das Leben kann so wunderschön sein!

Aufgestanden bin ich, weil meine Gedanken mich nicht schlafen lassen. Sie hat sich eingemummelt, meinen rechten Arm umschlungen und ist eingeschlafen. Meine Gedanken haben sich auf den Weg gemacht. So als wären sie völlig eigen organisiert, haben sie mir einen Film gezeigt. Einen Film der kreuz und quer durch mein Leben geht. So wirr geschnitten, wie es eine Zeitlang bei MTV oder VIVA üblich war. Darunter baute sich nach und nach ein zweiter Film zusammen, der dann meine riesige innere Leinwand völlig ausfüllte, aber den ersten Film nicht verdeckte oder verdrängte. Der war wie eingeblendete Untertitel auch zu sehen.

Statt müde zu werden nach unserem Liebesrausch wurde ich immer wacher.

In unterschiedlichen Geschwindigkeiten aber deutlich und klar wahrnehmbar spulten die beiden Filme ab. Ich war neugierig auf das was ich sehen würde, auf das was geschehen würde. Ab und an setzten sich Standbilder der Filme alles überdeckend nebeneinander, gleiche Bilder einer Szenerie nur unterschiedliche Perspektiven. Dann wieder unterschiedliche Bilder gleicher Färbung. Für den Bruchteil einer Sekunde hielt das Geschehen inne.

Nur langsam begriff ich das da ein Abgleich erfolgt. Eine Datenbank nach etwas durchsucht wird. Eine Datenbank ist nicht ganz richtig; meine Datenbank – mein Gehirn wird durchforstet. Und immer wenn ein Standbild erscheint wird es zwischengespeichert. Wieso und wofür?    

Wir haben uns in den letzten Tagen intensiv und immer wieder über die Zweistaatigkeit unterhalten. Die Unterschiede der beiden deutschen Staaten zum Thema gehabt. Die Wessis und die Ossis beleuchtet.

Ich bin in Oschatz, im schönen Sachsen, geboren aber mit ein einhalb Jahren wechjebracht worden von hier. Warum ich es immer wechjebracht oder wechjemacht nenne wenn es um dieses Thema geht kann ich nicht genau sagen. Es ist wohl meine Zuordnung für Flüchtlinge und die sind für mich, das ist so in meinen Gedanken, aus Ostpreußen.

Sie kommt aus Mecklenburg - Vorpommern, geboren in Friedland und hat immer in der DDR gelebt, Sie war Lehrerin für russisch und englisch. Sie hat diese klare, gerade, mich ungeheuer inspirierende Sichtweise, selbst der einfachsten Dinge.

Wie klar und gerade, ohne den uns Wessis angehängten amerikanisierten Gedankenschnörkel und Singsang, dazu komme ich später noch einmal.

Was passiert mit mir?

Was wird gesucht? wer sucht in meinen Speichern? Nach welchem Schema erfolgt die Suche?

Wir hatten herrliche Spaziergänge am Strand. Von der Seebrücke Ahlbeck zur Seebrücke Heringsdorf. Strahlender Himmel, azurblau und ohne Wolken völlig klar aber bitter, bitter kalt.

Und immer wieder dieses Thema. West/Ost, Ost/West, gleich ob so rum oder so rum. Unser eigentliches Thema sind die Unterschiede der Menschen. Die Anschichten, das Auftreten der eigene Anspruch. An sich selbst wie auch an die Mitmenschen.

Ein dritter Film beginnt in kleinen Sequenzen sichtbar zu werden. Zwischen den Filmstreifen spannen sich farbige Bögen die völlig wirr und völlig durcheinander erscheinen. Für mich ergibt dieses Chaos einfach keinen Sinn. Unruhe erfasst mich. Angst macht sich unterschwellig breit. verspüre ich Angst oder sind das eher Bedenken – in Verbindung der mir wohlbekannten Unruhe. Die ich als Kind schon nicht ertragen konnte geschweige denn erklären. Von der niemand weis das es sie überhaupt gibt.

Erlebe ich gerade den Moment in dem Menschen abdrehen? Gerade jetzt? Jetzt wo mein Leben… wo ich das Gefühl habe zur Ruhe zu kommen, anzukommen. 

Kurzentschlossen übernimmt Ratio meine kreisenden Gedanken der Unruhe. Das ist meine einzige Lösung die ich in solchen Situationen habe. Umschalten aus dem Gefühl der beginnenden Sorge um mich, der zu befürchtenden Angst, in rationales Denken. Vernunft?
Die Filme bleiben! Laufen weiter, weiter, weiter, schneller, schneller, schneller…

Könnte mein Arbeitsspeicher überfordert werden!

Bin ich jetzt reif für die Insel? Usedom ist eine Insel! Eine Halbinsel!

Die zwischengespeicherten Sequenzen füllen jetzt meine innere Leinwand aus. 

Der dritte Film.
Zeitgleich laufen Film eins und zwei im Bildunterschriftformat weiter, Film eins unten, Film zwei oben, versehen mit einem ständig wachsenden Gewirr von verbindenden Bögen und Linien.

Gibt es eine Struktur? Mein Lebenswille - ich will nicht abdrehen, ich will nicht abdrehen - sucht nach möglichen Erklärungen. Ja im Plural, Erklärungen.

Wie erkenne ich einen Sinn in dem heillosen Durcheinander. Mein Gehirn googelt. 

Was läuft hier eigentlich ab?
Ein Suchauftrag der mich in seinem Bann gefangen hält?
Fragen und Angst. In aberwitziger Geschwindigkeit laufen die Filme weiter, weiter, schneller einfach weiter, weiter, weiter und immer schneller, schneller und schneller.

Tempo 250, 300, 350 weiter auf 400, 500, 600 und immer noch Luft unter dem Gaspedal! Immer noch Luft?

Ich bin klatschnass, der Schweiß läuft an mir herunter, brennt in meinen Augen. Ich liege in meinem eigenen Saft. Starr, Sie immer noch an meinen rechten Arm gekuschelt. Hellwach! Meine Festplatte auf Maximum Speed, mein Körper wie festgebunden, festklebend, apathisch, im Geiste bin ich klar wie anscheinend noch nie zuvor in meinem Leben.

Eine kleine Unwucht reicht ganz bestimmt und die Basisdaten sind verloren, weniger brauchbar, zumindest zerstört!

Ich ebenso!

Hoffend und erwartungsvoll starre ich auf die Filme. Gebannt aber auch neugierig auf das was kommt...

Rasend spulen sich die Filme - vor stopp, zurück stopp - vor, zurück, vor, in unterschiedliche Richtungen oft gegeneinander laufend.

Die Lichtbogen, in sagenhaften Geschwindigkeiten mit den unterschiedlichsten Färbungen jagen von Bild zu Bild, von Sequenz zu Sequenz. Verbinden einzelne Bilder oder ganze Sequenzgruppen der Filme miteinander und halten sie fest.

Gleiche Bilder einer Szenerie nur unterschiedliche Perspektiven. Dann wieder unterschiedliche Bilder gleicher Färbung. Für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick hält das Geschehen inne.

Film drei baut sich kontinuierlich auf.

Das Tempo steigt weiter. Die Geschwindigkeit ist abnorm.

Meine aufsteigende Unruhe ist längst purer Angst gewichen. Ratio hat nichts, aber gar nicht bewirkt. Mein Umschalten war nutzlos, hat nichts gebracht.
Ich liege, zum zusehen verdammt und schwitzend - aus meinen Poren sabbert der Angstschweiß - weiterhin unbeweglich im Bett.

Werden meine rationellen Speicher von meinen emotionalen Speicher durchleuchtet? Oder sind es die emotionalen Speicher die meine rationellen Speicher durchwühlen?

Kommen daher die verschiedenen Perspektiven gleicher Bilder, oder die gleichen Farben verschiedener Bilder?
Es dauert eine Weile bis sich überhaupt ein Gedanke in mir breit mach und ich zu ahnen beginne was mit mir geschieht, was in mir, mit mir abläuft.

An Schlafen ist nicht mehr zu denken. Ich komme der Aufforderung eines Teils von mir jetzt sofort aufzustehen unverzüglich wie auch freiwillig nach. Obwohl ein anderer Teil gerade jetzt, nachdem wir uns so heftig geliebt haben und ich befriedig, entspannt aber klatschnass in den Kissen liege, gern sanft einschlafen möchte.

Müde, aufgewühlt, entspannt, befriedigt, verängstigt, schweißgebadet, hellwach – alles auf einmal. Flüchte ich aus dem Bett in den Tag.

Fünf Uhr elf und der Kaffee läuft schon. Meine Gedanken laufen wie der Idealzustand wie in Reinkultur in einem mittelständischen Unternehmen. Klar strukturiert innerhalb eines sich selbst erweiternden Organigramms. Schublade auf, Info rein, schütteln, Info ergänzt und raus, auf dem direkten Weg weiter. Info rein, aufgeteilt in Sachgebiete, Querinfo an..., den roten Faden spannend.

Klare Strukturen! Einfache Abläufe!

Was passiert hier?
Bin Ich passiert!

Geschwindigkeit ist eine Hexerei, jagt es mir durch den Kopf. Ich habe keinen Vergleich der passen könnte, der ausdrückt was ich und vor allem wie ich jetzt, hier in der Küche von App. 11 sitzend, fühle. 

Denken? Denken, scheint nicht nötig, das rasende Geschehen hält alles in seinem Bann. Ich bin zum Beobachter degradiert begreifen was geschieht, geschweige denn eingreifen, das kann ich nicht. Ich will auch nicht eingreifen in diesen Prozess. Viel zu groß ist meine Angst es hört auf.

Unzählige farbige Bögen und Linien rasen immer noch und immer wieder durch das Bildermeer. Film drei wird ständig erweitert, verschwindet plötzlich und ist nur noch eine ganz kleine Szene in einem neuen, sich ständig verändernden neu aufbauenden Film.

Unterschwellig meldet sich die Befürchtung wieder, bloß nicht durchdrehen durch dieses Trommelfeuer von Farben, Bildern, Lichtbögen, Linien und Blitzen. Es ist wie wenn tausende Feuerwerksraketen die, in schillerndsten und prächtigsten Konfigurationen, alle auf einmal abgeschossen werden um gleichzeitig den Nachthimmel erleuchten.
War es erst Schallgeschwindigkeit dann Lichtgeschwindigkeit jetzt ist es „worp 9.9“

Meine Gefühlesspeicher vereinigen sich mit meinen Gedankenspeichern? 

Eine innere Sturmflut, eine Sintflut!
Ich fühle mich wie ein kleiner Junge.
Gebadet in mir selbst, begegne ich mir tief in meiner Seele tief in meinem Ratio.
Eins sein.
Eins sein mit mir selbst.

Ich sein. 

Der banaler Satz: Ich bin!
Erhält eine Vehemenz, eine Wucht von ungeahntem Ausmaß.

Morgens um 07:55 Uhr der Kaffee ist kalt und ich sitze immer noch am Küchentisch in Haus Miramar App.11, im Seebad Ahlbeck. Mein erster Besuch auf der Insel Usedom.

Die wunderbare Frau ist aus dem warmen Bett gekrochen, hat einen Kaffee mit mir getrunken und schläft noch ein wenig auf dem Sofa. Sie liebt mich, ja, sie liebt mich.

Ich werde frische Brötchen holen. Es scheint ein sonniger Tag zu werden, wenn ich Landratte den Wolken glauben schenken kann.

Willkommen neuer Tag!