Dittmar Vonau, Juni 2007

Alles noch so Schwierige und Belastende, was das Leben so mit sich bringt, ist nichts gegen das, was zu allen Zeiten die Massen, uns, wie Weihnachtsgänse benutzt und ausgenommen hat: Machtgier! Könige, Fürsten, Herrschende aller Schattierungen ebenso wie gewählte Politiker, alle verbindet sie eines: Die Gier nach Macht - die ihnen die Sicht auf uns, das Volk vernebelt.

Brutalst mögliche Aufklärer ziehen ihre Kreise. Aufklärer aller Art predigen uns das, was uns als Heil zugedacht ist. Nicht jeder hat 21 Millionen in der Schweiz. Wer kann schon neben seiner Arbeit noch einer weiteren bezahlten Tätigkeit nachgehen, so wie unsere Abgeordneten? Oder gleich mehrere dieser lukrativen Posten bekleiden, die von Steuergeldern finanzierten Diäten ebenfalls vereinnahmend?

Angestellte des Öffentlichen Dienstes dürfen nur 10 Stunden am Tag arbeiten, so steht es in ihren Verträgen. In den allermeisten Arbeitsverträgen findet sich der Passus, dass die Arbeitskraft - unter Androhung der fristlosen Kündigung - ausschließlich der Firma zusteht.

Arbeitslose werden angehalten Jobs zu schaffen. Die Selbstständigkeit als Allheilmittel. Gleichzeitig aber wird denen, die sich hochoffiziell und mit Anmeldung bei der Agentur für Arbeit vorbereiten und den Mut dazu aufbringen, die Einnahmemöglichkeit drastisch reduziert. Die Möglichkeit, 20% vom Arbeitslosengeld I in dieser Vorbereitungsphase dazu zu verdienen, wurde von den Politikern – mal einfach so gestrichen.

Diese Vereinfachung fand in der Presse wohlwollende Worte. Und ab 2005 gibt es auch eine neue Berechnung des schon bewilligten Arbeitslosengeldes I. Schade, kommt doch leider wieder etwas weniger bei den Arbeitslosen an!

Wie lange wollen wir noch zusehen? Wie lange wollen wir uns noch wie Schlachtvieh verhalten? Wie lange kann eine Periode der anscheinenden Harmonie und vermeintlichen Gemeinsamkeit durch Wohlergehen denn anhalten? Und ihre verblassenden Schatten in unsere Gegenwart werfen, um so zu tun, als wären sie es selbst. Ist der Gleichschritt des Wohlstandes auch längst verklungen, wir tippeln immer noch in freudiger Erregung dessen, was uns erwartet zur Ablasskasse. Um zu geben, was des Kaisers ist. Geduldig und gar rührselig, untertänig huldigen wir den vergangenen Tagen, gar so, als gäben sie uns immer noch unser täglich Brot.

Ab wann müssen wir, die Masse der  Menschen, das Stimmvieh, aufpassen? Ab wann werden die guten alten 68er, die Boxer, die Bergarbeiter, die Montagsdemonstranten, die sich Dagegenstemmer wieder auf den Plan gerufen?

Wenn wir alle den Bach runter gegangen sind, weil wir das einfachste Leben nicht mehr bezahlen können? Dann, wenn der Sheriff von Nottingham uns den Hals ganz zudrückt, weil das Atmen mit einer Steuerlast belegt ist? Die Steuereintreiber uns an den Hosenbeinen packen und solange schütteln, bis auch der letzte Groschen abgeschöpft ist? Wann sind wir wieder so weit uns zu wehren? Brauchen wir die Absolution, die uns der Schuldturm bieten kann, um als arme Sünder dann in den, jeden reuigen Tor aufnehmenden gesellschaftlichen Schoß zu kriechen. Den Schulterschluss der leidenden Verarmten als Befreiung zu empfinden, es geht uns doch gar nicht so schlecht!

Wo sind SIE geblieben?

Wo sind die Studenten, die auf die Straße gehen, um den Etablierten zu sagen, dass es so nicht geht! Wo ist die Jugend, die sich von den Fesseln der Alten befreit? Wo ist der Wille zur Veränderung? Die Begeisterung, neue Ufer zu erreichen?

Wo finden wir den unbändigen, zügellosen Elan aus den Spuren der Vorgänger herauszutreten, um an denen, die sich dahin schleppen, den Weg versperrend, vorbeizuziehen und sie triumphierend zu überholen?


Wo sind SIE geblieben?

Wo sind die Musiker, die Hymnen geschrieben haben, um die Massen zu unterstützen?
Wo, die Filmemacher mit ihren sozialkritischen Streifen?

Apathische Ruhe, gehüllt in den notorischen Lärm von Gleichklang, hat das Land überzogen.

Wohlstandsgläubigkeitstrunken dümpeln wir dahin und suchen unser Heil in der Mittelmäßigkeit. Pisa I ein Schock. Pisa II nicht mehr.
Finnland hat vor 35 Jahren das Bildungssystem umgestellt, England vor 30 Jahren.

Aber WIR waren immer zufrieden.

Der allgegenwärtige Druck und die permanent Erhöhung der Lebensgeschwindigkeit sind kaum noch auszuhalten. Heute ist jeder fünfte, das sind 20% der Bevölkerung, psychosomatisch erkrankt. Im Jahre 2020 bis 2025 wird mit einem Anteil von 80 % der psychosomatisch Erkrankten in Deutschland gerechnet.

Nach dem Demokratie- und Mehrheitsprinzip sind die Kranken dann das Normale? Die Gesunden das Abnorme?

Aber WIR waren immer zufrieden.

Keine Zeit ist so ruhig, so angepasst verlaufen wie die letzten 30 Jahre. Alle sind gebändigt, rund und satt. Die Karriere genauestens geplant und die Zukunft fest im Blick. Das Bild unserer Jugend, inklusive der studentischen Jugend, ist geprägt von Zukunftsängsten, manche Gruppen gleichen verstörten Haufen. Diejenigen, die Kariere machen, sind mit Ende dreißig leergesogen und fertig.

Die Biene Maja Generation hat sich in der Sesamstraße passiv ausgetobt. Benjamin Blümchens tööörööö erschallt wie der Schlachtruf der Stille.

 

Wo sind sie geblieben?

 

PS
31.03.2014

Neun Jahre alt - aber aktueller denn je.

Dittmar Vonau, Mai 2007